14.08.2017

Geistliches Wort - 33./34. KW 2017 - von Pastoralreferent Christian Dorn, Betriebsseelsorge Allgäu

Pstaroalreferent Christian Dorn
Portrait Christian Dorn

Eine kleine Anregung für die Sommerzeit

Vor einigen Jahren an einem warmen Augustabend saß ich mit einer Gruppe Jugendlicher am Rande des Gaisalpsees (unterhalb des Rubihorns), wo wir für die Nacht biwakieren wollten. Die Sonne ging langsam unter. Geplant war ein spiritueller Abendimpuls mit biblischer Lesung, einigen Gedanken und Gebet. Es blieb bei der biblischen Lesung. Ich hatte die Lesung ausgesucht, die am Sonntag dieser Woche (19. Sonntag i.J.) in den Gottesdiensten zum Vortrag kommt: Elija am Gottesberg Horeb (1 Kön 19,9-13). Die Jungs im Alter zwischen 13 und 16 waren wie Jungs im Alter zwischen 13 und 16 eben so sind: gut hörbar, sehr lebendig und bewegungsfreudig. Wir saßen also zusammen, den Blick Richtung Sonnenuntergang und ich las die Geschichte von Elija am Horeb. Elija war dort angekommen, nachdem er mit Leidenschaft für die Sache Gottes gekämpft und sich für das Gute verausgabt hatte – dieser festen Überzeugung war er zumindest. Umso mehr erschütterte es ihn, dass er scheiterte. Und er zweifelt und verzweifelt. Er legt sich in der Wüste unter einen Ginsterstrauch und wünscht sich den Tod. In diesem Augenblick lässt er los von seiner Illusion, die Welt nach seinen frommen Vorstellungen gestalten und verändern zu können.
Er lässt die Enttäuschung zu, dass seine hehren Pläne zerbrochen sind. Er ist am Nullpunkt. Und genau an diesem Nullpunkt findet er zu Gott bzw. Gott zu ihm. Er erfährt Stärkung und macht sich auf zum Horeb.

Hier setzt die Erzählung ein, die ich am Gaisalpsee vorgelesen habe. Ein Sturm kommt, ein Erdbeben, ein Feuer – doch in keinem dieser gewaltigen Naturzeichen ist Gott. Elija begegnet Gott in einem sanften, leisen Säuseln – so die Einheitsübersetzung. Sehr viel schöner übersetzt von Martin Buber: in einer „Stimme verschwebenden Schweigens“. Hier fernab dem Getöse des Alltags, der menschlichen Parolen und (Schein-)Gewissheiten, ganz zurück­geworfen auf sich selbst, an seinem Seelengrund – hier zeigt sich Gott dem Elija. Elija spürt die Gegenwart Gottes, doch wird er seiner nicht habhaft. Er erfährt Gott in einer „Stimme verschwebenden Schweigens“. Elija tritt vor die Höhle und hüllt sein Gesicht in einen Mantel. Der Prophet lernt in diesem Augenblick: Gott begegnet dem Menschen, der von allen allzu menschlichen Gewissheiten und Sicherheiten ablassen kann, der von seinen festbetonierten Überzeugungen einen oder zwei Schritte zurücktreten kann und der so ganz offen wird für Gott.

Und was passierte am Gaisalpsee? Die Erzählung war zu Ende und die Jugendlichen und Begleiter saßen einfach da. Ich spürte: das ist kein Moment für neue, bedeutungsvolle Worte. Das ist ein Moment der Stille, des Schweigens des Loslassens. Minutenlang saßen wir so da, was bei Jungs dieses Alters sicher nicht allzu häufig vorkommt. Ich bin überzeugt: einige in der Gruppe konnten in diesem Augenblick am Gaisalpsee einfach mal loslassen.

Die Selbstverständlichkeiten des Alltags loslassen, um ganz bei sich und ganz offen für Gott zu sein. Dazu möchte ich mir in der Sommerzeit einige Räume reservieren und sie einladen, sich auch einmal aufs Loslassen einzulassen. Mit hinein in diesen Raum nehme ich noch ein Gedicht von Mascha Kaléko, in dem sie ganz schlicht und wunderbar eine solche Erfahrung beschreibt:

Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.

Christian Dorn, Betriebsseelsorge Allgäu